Öfter mal nix Neues.

Die Frau in Deutschland gibt jährlich ca. 600 Euro für Kleidung aus.[1] Das heißt in meinem Fall ich kann also entweder munter weitershoppen oder wir haben für einen Monat ein Dach über dem Kopf und Strom! Da fällt die Entscheidung doch nicht schwer.
Dass Geld immer ein wichtiger Faktor bei der Veränderung des eigenen Verhaltens spielt ist weithin bekannt, aber die Entscheidung dem Konsum die Stirn zu bieten hat maßgeblich eine New Yorkerin beeinflusst, die ihren Müll eines ganzen Jahres in ein Schraubglas stecken kann. Jaaa, so weit bin ich noch lange nicht.

Aber Lauren Singer war mir im letzten Jahr eine große Inspiration und ich habe mich mal mit meinem eigenen Konsum, meiner eigenen Wegwerfkultur und vor allem mit meinem Umgang mit Kleidung beschäftigt.

Eine Bestandsaufnahme:

  • 22 Kleider
  • 5 Hosen
  • 14 Strickjacken
  • 31 T-Shirts und Tops
  • 6 Blusen
  • 4 Röcke
  • 2 Shorts
  • 5 Jacken und Mäntel
  • 12 Paar Schuhe

Dazu noch Unterwäsche, Socken, Leggins, Schals, Gürtel... Na, das sollte doch mal reichen.

In Deutschland hat durchschnittlich jeder so 100 Teile im Kleiderschrank (ohne Socken, Unterwäsche). 1/3 der Bevölkerung hat aber sogar bis zu 300 Teile[2], was macht man nur mit dem ganzen Zeug?? Genau, es liegt im Schrank, denn 40% der Sachen tragen wir selten bis gar nicht.[3] Dafür kaufen wir uns durchschnittlich 60 Stück neuen Fummel jedes Jahr. Damit das dann wieder im Kleiderschrank Platz findet sortieren wir regelmäßig aus, bloß weg mit dem Kram.

Und dabei ist die Herstellung von Kleidung unglaublich aufwendig und belastend, vor allem natürlich für die Länder in denen produziert wird. 7000 Liter Wasser verbraucht die Herstellung einer einzigen Jeans, 3500 oft giftige und krebserregende Chemikalien werden eingesetzt.[2:1] Wasser wird verseucht, Böden versalzen, die Arbeiter in den Fabriken leiden unter den Dämpfen und auch in unserer Kleidung sind Rückstände der Chemikalien enthalten.


Bildquelle: fashionrevolution

Bei uns ist es zum Lebensstil geworden, dass man schnell mal zu Mango oder Zara geht und sich das neueste Kleid/Jacke/Oberteil holt - natürlich billig und wie von der Werbung suggeriert immer der aktuellen Mode entsprechend - fast fashion eben. Und dabei ist mir aufgefallen: ich entspreche exakt diesem Schema! Auch ich habe mehr als 100 Teile im Kleiderschrank hängen, viele von ihnen ziehe ich nie an. Das Meiste ist von H&M oder einem anderen Billigproduzierer und landet auch schnell mal im Müll, weil es kaputt, ausgewaschen oder veraltet ist. Ojeoje.

Und obwohl ich das alles unterbewusst doch vorher schon wusste - die Fakten der Herstellung unserer Kleidung sind nun wirklich lang bekannt, die Bilder von kranken Arbeitern gehen regelmäßig durch die Medien - trotzdem war ich bei intensiver Beschäftigung entsetzt. Über mich selbst und traurig über meine Sorglosigkeit im Umgang mit Ressourcen und dem Leben anderer Menschen.

Also Schluss damit. Das Experiment "1 Jahr lang nichts kaufen" wurde geboren. Und auch nach diesem Jahr kompletter Abstinenz überlege mir nun vor jedem Kauf:

  • Brauche ich es?
  • Brauche ich es?
  • Wird es mich lange glücklich machen?
  • Und um ganz sicher zu gehen: brauche ich den Fetzen megaoberdringend?

Aber geht das denn so einfach? Lechzt man nicht ab und an nach etwas Neuem? Nach diesem Gefühl, wenn man das erste Mal ein neues Kleid trägt? Ich muss zugeben, es gab und gibt solche Momente, wenn ich ein Mädchen mit einer super schönen grünen Jacke sah oder die Eine mit der coolen Hose, die jetzt so modern ist, aber...


Bildquelle: artfashionlife

Und nur weil man sich nichts Neues zulegt muss das noch lange nicht heißen, dass man nicht alte Schätze ausgraben und aufmöbeln kann. Somit hat man stückweit auch wieder was Neues. Ich hab zum Beispiel schon T-Shirts abgeschnitten und mir neue Kombinationen überlegt. Oder ich kreisle mir auf Kleiderkreisel etwas, was andere nicht mehr brauchen können. Wenn es dann doch mal etwas Neues sein muss dann zeigt einem der FashionFinder Shops, die Mode aus Fairtrade-zertifizierter Baumwolle anbieten und er informiert über die sozialen und ökologischen Produktionsbedingungen der einzelnen Brands.

Mittlerweile komme ich mit meinem reduzierten Kleiderschrank ganz gut klar. Ich weiß genau was sich darin befindet. Habe einige Sachen, die mir echt ans ♥ gewachsen sind und auf die ich ganz doll Acht gebe, damit sie nicht kaputt gehen. Ich scheue mich auch nicht davor zwei Tage hintereinander den gleichen Hoodie anzuziehen und neulich war ich sogar beim Schuster - yep die gibt's noch!

Beim Schreiben dieses Artikels drängte sich mir allerdings die Frage auf: geht das alles vielleicht nur in Berlin? Weil es hier jedem egal ist wie man rumläuft? Oder weil wir keinen Fernseher/kein Radio haben und ich kaum der Werbung ausgesetzt bin, die mir einredet ich müsste mir nun aber wirklich mal was Neues zulegen? Schwierig zu sagen, was ich auf jeden Fall weiß: ich möchte so weitermachen - hoffentlich egal wo ich wohne.

Neu gekauft in 1,5 Jahren: 2 Paar Schuhe, 1 Leggins, 2 Paar Socken

Quellen:


  1. https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/zdw/2009/PD09_030_p002.html ↩︎

  2. https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/20151123_greenpeace_modekonsum_flyer.pdf ↩︎ ↩︎

  3. https://www.greenpeace.de/themen/endlager-umwelt/textilindustrie/mode-bewusst ↩︎