Vier Räder müssen's schon sein.

Das geht nicht. Das habe ich in letzter Zeit ziemlich oft gehört. Du kannst keine Aufputzsteckdosen machen, du kannst keinen Glitzer am Festival tragen, du kannst in Bayern nicht Pils trinken und du kannst ganz sicher nicht ohne Auto auf dem Land überleben. Das geht nicht. Nie und nimma!

Nun denn, challenge accepted! Ausprobieren kann ich es allemal. Vor allem da die Ausgangsvoraussetzungen nicht allzu schlecht stehen. Zumindest gibt es einen Bahnhof am Ort, hört hört!

Ohne Auto in der Großstadt, das kann jeder. Aber auf dem Land? Ist das wirklich unmöglich wie alle sagen?

Die vier Reifen haben ohne Frage enorme Vorteile. Man kann zu jeder Tages- und Nachtzeit, bei fast jedem Wetter, bequem überall hinfahren. Man sitzt wohlbehütet in seiner privaten Kabine und muss sich nicht mit der Meute neben sich rumschlagen, die gerade den 55ten Geburtstag von Tante Irmi mit lauthalsen Gesängen feiern. Entschuldigung, aber ich komme gerade von der Arbeit und nein, ich möchte nicht mitsingen, danke sehr! Man muss sich keine Gedanken machen, ob denn die Bahn rechtzeitig kommt oder man den Anschlusszug erwischt. Man muss sich nicht anstrengen, zu keinen Gleisen hoch und runter hetzen, kann mühelos bis zur Haustüre fahren, wird nicht naß oder im Winter einmal ordentlich tiefgekühlt.

Das Auto gehört vor allem auf Land mit dazu. Da hat man den Führerschein noch nicht mal annähernd in der Tasche, aber das eigene erste Auto steht schon vor der Hoftür. Unsere individuelle Mobilität stellen wir über jegliche negative Auswirkungen, die die scheinbare Unabhängigkeit mit sich bringt. Und ich habe mit dazu gehört, auweija. Nur zu leicht hätte ich früher mal mit dem Zug in die nächste Stadt fahren oder während des Studiums eine Fahrgemeinschaft bilden können. Aber nein, lieber nicht. Ich wollte mich nicht mit anderen arrangieren müssen. Ist doch nervig sowas. 95% der Zeit habe ich die Flexibilität natürlich gar nicht in Anspruch genommen, sondern bin schön zu festgelegter Stunde nach Hause gefahren. Es wäre ein Leichtes gewesen noch jemanden mitzunehmen.

Der Verkehr wird dominiert vom Auto, aber nicht nur auf dem Dorf. Im verstädterten Raum sind fast genauso viele Autos pro Haushalt vorhanden wie im ländlichen Bereich.[1] Versteh ich nicht.

Täglich werden in Deutschland 162 Millionen Wege und 2,5 Milliarden Personenkilometer im motorisierten Individualverkehr, das heißt hauptsächlich mit dem Pkw, zurückgelegt.[1:1]


Quelle: Umweltbundesamt[2]

Puh, das sind eine ganze Menge Autofahrten, die mit 45 Millionen zugelassenen Pkws[3] in Deutschland verfahren werden. Allerdings würde bei rund 81% der privaten Haushalte auch mindestens ein Fahrrad rumstehen.[4] Und wo zum Henker sind die? Fahre ich zum Supermarkt herrscht gähnende Leere am Radständer, auf den Autoparkplätzen drängt es sich hingegen dicht an dicht.

Niemand verlangt, dass nun jeder die 30km zur Arbeit mit dem Fahrrad runterstrampelt. Neee, würd ich auch nicht machen. Mit der Bahn, ja ok. Es ist jedoch nicht der Arbeitsweg (14%), der den größten Teil der Wege, die wir zurücklegen, ausmacht. Es sind - tadaa - unsere Freizeitaktivitäten mit 32%. Gefolgt von Einkäufen (21%) und privaten Erledigungen (12%).

Quelle: Destatis[5]
Jeder muss zur Arbeit, aber nicht jeder muss die drei Straßen zum Supermarkt fahren oder das Kind mit dem Auto von der Schule abholen.

50 Prozent aller Autofahrten sind kürzer als sechs Kilometer und jeder zwanzigste in Deutschland mit dem Auto zurückgelegte Weg ist nicht mehr als einen Kilometer lang.[6]

Früher habe ich auch einfach nicht drüber nachgedacht und bin in mein Auto gesprungen und davongebraust. Was, wie Klimawandel? Hab in meinem wohltemperiertem Auto gar nichts mitbekommen, alles super.

Der Verkehrssektor verursacht in Deutschland jährlich rund 160 Millionen Tonnen Kohlendioxid – das sind fast 20 Prozent der Gesamtemissionen.[7] Mit einem Plus von 4,6 Millionen Tonnen CO2 im ersten Halbjahr 2017 trug der Verkehr auch in diesem Jahr wieder zum Emissionsanstieg bei.[8]


Quelle: Umweltbundesamt
Und dann gibt es da noch die Stickoxide (in 28 Regionen sind die Stickoxidwerte anhaltend höher als erlaubt),[9] den Lärm, den Flächenverbrauch für Straßen und Parkplätze, den Reifenabrieb, der unsere Gewässer verschmutzt... Aber das kennen wir doch alles, schon Xmal gehört.

91 Prozent der Deutschen gaben bei einer repräsentativen Studie des Umweltbundesamtes 2016 an, das Leben würde besser, wenn der oder die Einzelne das Auto weniger nutzen müsste.[10]

Perfekt! Man muss ja nicht sofort komplett auf das Auto verzichten. Und jede Veränderung braucht Zeit. Hätte mir früher jemand gesagt ich würde ohne Auto auf dem Land wohnen, dem hätte ich gesagt sein Schwein pfeift. Ist ja unerhört. Nur mit dem räumlichen und zeitlichen Abstand und den Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren gesammelt habe bin ich losgelöst von meinen alten Denkmustern und sehe autofrei(er) auf dem Land als neues Projekt an.

Du wirst sehen so kompliziert ist es gar nicht und für das meiste findet sich eine Lösung.
Möglichkeiten von A nach B zu kommen gibt es zahlreich:

  • zu Fuß
  • mit dem Fahrrad (ein Plädoyer für's Fahrradfahren hier)
  • Lastenräder sind extrem nützlich und im Gegensatz zum Auto so verdammt günstig. Beinahe umsonst eigentlich!
  • Bahn, Bus, Fernbus
  • Mitfahrgelegenheiten
  • CarSharing
  • sich ein Auto mit Familie, Freunden, Nachbarn teilen...

Ausreden, warum man dann doch wieder mit dem Auto fährt gibt es natürlich viele...bestimmt nieselt es gleich, mein Zeh tut weh, ich wohne außergalaktisch weit weg von der Zivilisation, Radfahren zerstört meine Dreiwettertaft-Frisur, ich bin allergisch gegen Menschen in Zügen und Bussen und Trams, whatever.

Realistisch gesehen wird es natürlich nicht ganz einfach, das ist klar. Gerade habe ich zwei Vollstreckensperrungen der Bahn hinter mir. Meine Körperbeherrschung und Geduld wurde dabei ziemlich ausgereizt, da hilft auch kein Schönreden mehr.
Trotzdem habe ich das Auto erstmal von meiner Liste gestrichen. Ein Teil weniger, das kaputt gehen kann, das ich putzen muss. Kein Tanken, kein Parkplatz suchen, kein Stau stehen, kein Reifenwechseln und kein Kratzen im Winter. Großartig.

Sagen alle: Nie und nimma.

Sag ich: mal sehen...

Weitere Informationen:

Berechne den Energieverbrauch, CO2- und Luftschadstoffemissionen für Flugzeuge, Autos und Züge für bestimmte Strecken, die du fährst.

Quellen:

Grafiken erstellt mit piktochart


  1. (https://www.adac.de/_mmm/pdf/statistik_mobilitaet_in_deutschland_0111_46603.pdf) ↩︎ ↩︎

  2. (https://www.umweltbundesamt.de/daten/verkehr/fahrleistungen-verkehrsaufwand-modal-split#textpart-4) ↩︎

  3. (https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/Wirtschaftsbereiche/TransportVerkehr/UnternehmenInfrastrukturFahrzeugbestand/Tabellen/Fahrzeugbestand.html) ↩︎

  4. (https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2017/06/PD17_189_461.html) ↩︎

  5. (https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/TransportVerkehr/Querschnitt/BroschuereVerkehrBlick0080006139004.pdf) ↩︎

  6. (https://www.co2online.de/klima-schuetzen/klimawandel/ursachen-des-klimawandels/) ↩︎

  7. (https://www.co2online.de/klima-schuetzen/klimawandel/ursachen-des-klimawandels/) ↩︎

  8. (http://www.fr.de/wirtschaft/energie/co2-ausstoss-klimasuender-deutschland-a-1327650) ↩︎

  9. (http://www.wiwo.de/technologie/green/living/dieselgipfel-mehr-staedte-als-geplant-brauchen-hilfe-gegen-stickoxide/20212026.html) ↩︎

  10. (http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2017-04/umweltbewusstseinsstudie-auto-oepnv-umstieg-deutschland) ↩︎